Ein tosendes Klangspektakel 

Neuruppiner A-cappella-Chor und Landesjugendchor führten in der Pfarrkirche Carl Orffs „Carmina burana“ auf



JULIANE FELSCH

NEURUPPIN Als Hans-Peter Schurz den Taktstock hebt, steht er von Kopf bis Fuß unter Spannung. Die ersten Pauken donnern, ein Becken schlägt tosend zusammen. Da hebt der Chor an: „O Fortuna, velut luna.“ So stimmgewaltig, dass einem der Atem stockt. Hans-Peter Schurz dirigiert immer energischer, ist schon nach wenigen Takten mittendrin in der „Carmina burana“, diesem weltlichen Mammutwerk von Carl Orff. Schurz lässt nicht mehr ab, er will die „andere“ Schallmauer durchbrechen. Eine Musik zum Klingen bringen, die Menschen sprachlos macht und erzittern lässt.

Eine gute Stunde lang leisten die 100 Sänger an diesem Sonnabendnachmittag körperliche Höchstarbeit – und in den ersten Minuten offenbart sich, was der virtuose Chorleiter Hans-Peter Schurz erreichen will. Eine riesige Musikerschar hat er in der Neuruppiner Pfarrkirche für das Oratorium aufmarschieren lassen. Sänger des Neuruppiner A-cappella-Chores und des Landesjugendchores, zwei Pianisten, fünf Schlagzeuger und drei vorzügliche Solisten. Rund 500 Neuruppiner erleben dieses Klangspektakel.

Tatsächlich hat die Carmina burana von Carl Orff etwas Größenwahnsinniges. Es ist wahrscheinlich, dass es auch der Komponist selbst war. „Alles, was ich bisher geschrieben habe und Sie leider gedruckt haben, können Sie nun einstampfen“, schrieb Orff seinem Verleger 1937, kurz nach der Uraufführung seiner Carmina burana.

Hans-Peter Schurz, unter dem bereits vor einigen Jahren die Orchesterfassung in Neuruppin zu hören war, entschied sich diesmal für die „schmalere“ Ausgabe der Carmina burana. Allein das Sven-Kalis-Percussionensemble, César-Gustavo La Cruz und András Vermesy (an zwei Flügeln) sind nun Herren über einen Makrokosmos von Geräuschen und Klängen. Die Pianisten hämmern und trommeln auf der ganzen Länge ihrer Klaviaturen, die Schlagzeuger bedienen Becken, Pauken, Glockenspiele und Röhren. Darüber nun liegt der Part des Chores, der von jedem Sänger alles verlangt. Allein im Sopran geht es ständig hinauf in die Höhe, die Sänger müssen den Text gestochen scharf singen, fast sprechen, und nie dürfen sie auch nur eine Sekunde den Rhythmus außer Acht lassen.

Überhaupt der Rhythmus ist der ganze Witz dieses Werkes. Mittelhochdeutsche und lateinische Trink-, Frühlings- und Liebeslieder aus dem 12.Jahrhundert hat Orff neu vertont – kurzum, es geht um Wein und körperliche Gelüste. Dementsprechend deftig ist das, was musikalisch passiert. Da werden mittelalterliche Bauerntänze gestampft, da gibt es einen überschwänglichen Ländler und dazu die halb beschwipsten Arien der Solisten.

Mit funkelnden Augen hat Hans-Peter Schurz diesen tobenden, tosenden Orkan dirigiert – und seinen Sängern wieder einmal eine Spitzenleistung entlockt. Chapeau!